Psychodynamische Faktoren der Erythrophobie
 

Im vorletzten Abschnitt dieser Arbeit soll es um verschiedene psychodynamische Erklärungsansätze der Erythrophobie gehen, sozusagen eine Spurensicherung im "Dickicht" frühkindlicher, adoleszenter und aktueller Erfahrungen im Leben der betroffenen Patienten.

Entsprechend der Freudschen Phasenlehre sehen Psychoanalytiker das Erröten als ein Symptom, das in erster Linie der ödipalen Phase zuzuordnen ist.

Genitale Erregung, die aufgrund von Kastrationsangst nicht gelebt werden darf, wird von den Genitalien auf das Gesicht verschoben und findet im Konversionssymptom des Errötens ihren Ausdruck.

Das Erröten stellt somit einen Kompromiß zwischen einem libidinösen Wunsch und dessen Verbot dar.

Dieser ungelöste Kastrationskomplex kann beim Jungen zu einer weiblichen Identifikation führen, um der drohenden Kastration zu entgehen. In Situationen, die männliches Verhalten erfordern, wird dadurch adäquates Reagieren verhindert. Dies löst Scham aus, deren Konsequenz wiederum das Erröten ist.

In der behavioristisch orientierten Forschung fehlen bislang theoretische sowie empirische Arbeiten zum Erröten. Jedoch wurde das Gefühl der Scham und Verlegenheit mit seiner Konsequenz auf der Ebene des motorischen Verhaltens eingehender erforscht.

Nach Skinner stellt sich dieser Komplex folgendermaßen dar: Scham (oder Verlegenheit) tritt bei Verhalten auf, das früher bestraft wurde. Die Bestrafung führt zu einer konditionierten Angstreaktion; diese Angstreaktion äußert sich bei einer Wiederholung des früher bestraften Verhaltens – auch bei jetzt fehlender Bestrafung – als Scham. Sie wird aber nicht nur auf diese spezifische Situation beschränkt bleiben, da ein bestimmter Stimulus, der früher mit einem bestraften Verhalten verbunden war, auch in anderen Situationen wirksam werden kann13.

Manfred Pohlen versucht in seiner Arbeit "Eine Errötungspsychose" eine strukturelle Verwandtschaft von Erythrophobie und Beobachtungs- bzw. Verfolgungswahn anhand einer Kasuistik nachzuzeichnen14.

Pohlen legt in seinem Fallbericht eines 33-jährigen Patienten nahe, daß der Auslöser der erythrophoben Störung eher in einem narzißtischen Defekt liegt, als in einer ödipalen Konfliktsituation , und daß damit die Zuordnung zu den klassischen Übertragungsneurosen nicht möglich ist.

Das eigentliche Motiv der Erythrophobie seines Patienten ist der Exhibitionismus. Er stellt die psychische Ausdrucksweise, d. h. die psychische Repräsentanz einer narzißtischen Größenphantasie dar: "das Großartige (Selbst) zu sein, an Stelle der Allmacht der Mutter-Kind-Einheit".

Pohlen findet einen Zusammenhang von Erythrophobie und Beobachtungs- und Verfolgungswahn, damit wird die Grenze von dieser neurotischen Störung zu einem psychotischen Erleben verwischt.

Der Beobachtungs- und Verfolgungswahn stünde "im Dienste der Abwehr homosexueller Regungen" (S. 77).

Pohlen sieht bei den betroffenen Patienten Verweiblichungswünsche zum Vorschein kommen, die aus einem negativen, passiven Ausgang der ödipalen Konstellation resultieren, hervorgerufen sowohl durch eine starke Verführungshaltung der Mutter (evtl. auch Schwester) und in der darin liegenden Angst auslösenden Gratifikation, als auch in der Angst vor der Identifizierung mit dem Vater, dessen Imago für die Identität von Männlichkeit und zerstörerischer Aktivität steht.

Als Ergebnis seiner Untersuchung stellt Pohlen die These auf, daß "die Erythrophobie als narzißtische Neurose zwischen den schizophrenen Psychosen und den Übertragungsneurosen" (S. 78) einzuordnen sei.

Nach Pohlen könnte man schlußfolgern, daß es bei der Erythrophobie in bestimmten Situationen und/oder gegenüber bestimmten Personen, zu einer Störung der Unterscheidung zwischen der eigenen Wahrnehmung bestimmter Inhalte und der Wahrnehmung dieser Inhalte durch andere kommt.

Die Stufe der objektiven Selbstbewußtheit geht derart verloren, daß unklar ist, welches Subjekt an der Stelle des Wahrnehmenden steht.

Subjektiv wird erlebt, der Interaktionspartner "wisse" von den eigenen Gedanken, Phantasien und Wünschen.

Inhaltlich sind diese häufig sexuell ausgestaltet und werden vom strengen Über-Ich verurteilt.

Solche Erlebnisse können dann paranoid oder auch sensitiv verarbeitet werden, etwa in dem Sinne, daß die Person glaubt, in der Umgebung würde über einen getuschelt, oder eine bestimmte Person stelle einem nach.

Pohlen spricht hier von der paranoiden Verarbeitung homosexueller Strebungen.

Auch Leonore Gerbaulet weist auf eine ausgeprägte narzißtisch-exhibitionistische Komponente bei den von ihr behandelten 11 Fällen von Erythrophobie hin15.

In ihrer empirischen Arbeit hat sie als hervorragendsten Charakterzug "Verheimlichungstendenzen – gekoppelt mit paranoiden Befürchtungen – [gefunden], die im wesentlichen der Abwehr weicher Gefühlsregungen mit ausgeprägten narzißtische-exhibitionistischen Komponenten sowie ihrer reaktiven Aggressionen galten" (S.129).

Gerbaulet wertet als erste Anzeichen der Erythrophobie Scham, bzw. Minderwertigkeitsgefühle in der Kindheit: "Erste Anzeichen der Krankheit, z.B. Minderwertigkeits- und Schamgefühle beim Gedichtaufsagen oder an-die-Tafelschreiben, waren den meisten [Patienten] bereits in den ersten Schuljahren aufgefallen" (S.121).

Damit wird bestätigt, daß in der vorliegenden Erythrophobie-Literatur auf eine Beziehung zwischen Erythrophobie und Scham hingewiesen wird und m.E. auch sinnvoll erscheint.

Daß das Erröten des Erythrophoben aus Scham entsteht braucht nicht bezweifelt zu werden, die Fragestellung kann also lauten, ob das Erröten aus reiner Scham resultiert, oder ob andere Kräfte störenden Einfluß nehmen, d.h. Verlegenheit, Schüchternheit o.ä. vorliegt.

Es erscheint sinnvoll sich in diesem Zusammenhang einmal die häusliche Atmosphäre von erythrophoben Patienten genauer zu betrachten, soweit Untersuchungen vorliegen, um die These einer verstärkten Bedrohung durch die Eltern mit gleichzeitig vorhandener sozialer Isolation als Voraussetzung oder Begünstigung einer Erythrophobie zu untersuchen.

Bei der Durchsicht der Kasuistiken in denen emotionales Erröten auftritt fällt auf, daß das neurotische Phänomen gehäuft mit bestimmten Sozialisationsbedingungen, Auslösern, Begleitumständen und Konsequenzen verknüpft ist, die im folgenden übersichtlich resümiert werden sollen16.

Bei Gerbaulet heißt es zusammenfassend: "Die häusliche Atmosphäre, in der sie aufwachsen mußten, war durch emotionale und [...] auch durch materielle Dürftigkeit gekennzeichnet" (S.126).
 

Familiäre Sozialisation
 
 

  • Eigenschaften der Mutter
  • – mangelnde Herzlichkeit