Das um die Jahrhundertwende einsetzende Interesse an der Erythrophobie steht im Zusammenhang mit den damaligen Bestrebungen auf dem Gebiet der Psychopathologie der Zwangsvorstellungen, zu der auch die Zwangsbefürchtung gerechnet worden war.
Die Erythrophobie wurde in die Diskussion verwickelt, in der es um die Frage ging, ob Zwangsvorstellungen als Symptom einer anderen Krankheit oder als eine Krankheit für sich gelten können.
Die historischen Positionen zum Verständnis der Erythrophobie sind vergleichbar denen zum Verständnis des Schamaffektes.
Da ein ausführliches Eingehen auf die Entstehung und Erforschung des Schamaffektes den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, wird nur am Rande auf die Schamproblematik im Zusammengang mit der Erythrophobie eingegangen.
Schon Charles Darwin hat in seinem 1873 erschienenen Buch "Der Ausdruck der Gefühle bei Mensch und Tier" als einer der ersten tiefgründige Überlegungen zum Thema des Errötens und der Scham geäußert. Es ist fast unmöglich, die Fülle seiner Beobachtungen in wenigen Worten wiederzugeben.
Darwin nennt das Erröten die "eigentümlichste und menschlichste aller Ausdrucksformen". Er stellt fest, daß junge Leute davon stärker betroffen sind als ältere; aber im Grunde komme das Phänomen überall und in allen Lebensaltern vor.
Das Gesicht ist am stärksten betroffen, weil der Blick des anderen Menschen auf ihm zu ruhen pflegt. Der Gedanke, was andere Menschen über uns denken, ist einer der Motoren des Errötens, so Darwin.
Charaktere, die zu Ängstlichkeit und hypertropher Bescheidenheit neigen, sind von diesem Symptom am ehesten befallen. Im gewissen Sinn nimmt der errötende Mensch eine Mißbilligung von Seiten der Umwelt vorweg, heißt es bei Darwin.
Auch die Psychoanalyse befaßte sich sehr früh mit dem Thema der Scham. Das geschah etwa in den "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905)". Sigmund Freud handelt dort die Schamhaftigkeit unter dem Titel der "Abwehrmechanismen" ab.
Freud verlegt demnach in diesem Konzept das Schamgefühl ins Innere des Menschen, indes Darwin die soziale Bezogenheit als für das Schamgefühl entscheidend anerkannte.
In späteren Abhandlungen jedoch korrigierte Freud seine Einseitigkeit. Seit der Einführung des Über-Ich (1914) beschrieb er die Schamthematik als einen Konflikt zwischen den rigiden und archaischen Über-Ich-Forderungen und den Bedürfnissen der prägenitalen Trieb- und Antriebswelt.
Nun ist das Über-Ich der Repräsentant der Außenwelt und ihrer Kulturanforderungen; in ihm wird nach Freud die Stimme der Eltern und Erzieher sowie der Wertmaßstab der uns umgebenden Kultur vernehmlich.
In diesem Sinne zeigt z. B. die Erythrophobie fast pantomimisch, daß sich das betroffene Individuum als nicht kultur- und gesellschaftsadäquat empfindet. Damit hat Freud auf Umwegen die Selbstwertproblematik in dieses Thema eingeführt.
Auf dieser Linie bleibt er dann auch, als er den Kastrationskomplex für die neurotische Schamhaftigkeit als relevant bezeichnete.
Der Begriff "Erythrophobie" findet im Jahre 1897 im Neurologischen Zentralblatt (16. Band) Eingang.
Bechterew berichtet dort über zwei Fälle der Errötungsangst als eine besondere Form der krankhaften Störung.
Bechterew nimmt in dieser Arbeit bezug auf die Franzosen Pitres und Régis, die im gleichen Jahr jedoch wesentlich detaillierter anhand von 8 Fallbeschreibungen die Erythrophobie darstellten und auch als erste den Begriff "Ereuthophobie" (altgriech.: Angst vor dem Erröten) benutzten.
Heute wird jedoch eher der 1890 von Boucher eingeführte Begriff "Erythrophobie" (Angst vor dem Roten) verwendet.
Pitres und Régis differenzierten bereits drei verschiedene
Zustände des Errötens:
Friedländer folgerte aufgrund einer Analyse mehrerer Kasuistiken, daß die Erythrophobie niemals als selbständige Krankheit auftritt, sondern nur als Begleitsymptom bei Hysterie oder anderen degenerativen Zuständen.
Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1865-1926) unterschied innerhalb der Zwangsbefürchtungen Unglücksphobien, Verantwortungsphobien und eine dritte Gruppe, bei der die Befürchtungen unmittelbar aus dem Kontakt mit Menschen entsprängen und bei der der Patient sein Ansehen, seine persönliche Würde durch das Gefühl der Erniedrigung bedroht sähe.
In dieser dritten Gruppe würden die Zwangsbefürchtungen gerade deshalb so fatal erscheinen, weil sie das gefürchtete Ereignis gerade zu provozierten.
Kraepelin rechnete also die Erythrophobie zu der Zwangsneurose. Eine Trennung zwischen Zwangsvorstellungen und Befürchtungen hielt er klinisch nicht für sinnvoll.
Der typische Erwartungsaspekt der Erythrophobie war für Kraepelin kein hinreichender Grund für die Zuordnung zu den Erwartungsneurosen, die sich durch eine mit Funktionsstörungen einhergehende ängstlich-gespannte Erwartung eines bestimmten Ereignisses kennzeichneten.
Anders als bei den Phobien, bei denen der gefürchtete Vorgang gerade durch die Angst vor ihm herbeigerufen wurde, äußere sich diese gespannte, ängstliche Erwartung bei der Erwartungsneurose in einer pathologischen Störung einer bis dahin unauffälligen Funktion (z. B. bei der hysterischen Abasie).
Dagegen werde bei jenen Phobien gerade eine unerwünschte Erscheinung – wie das Erröten – hervorgerufen.
Bei den Erwartungsneurosen stünden nach Kraepelin weniger Befürchtungen als vielmehr durch Erwartungsangst erzeugte Funktionsstörungen im Vordergrund des klinischen Befundes.
Kraepelin stellte den Phobien eine ungünstigere Prognose, da häufige Rückfälle zu erwarten seien, als den Erwartungsneurosen, die sich endgültig heilen ließen.
Der französische Psychiater Janet hatte schon 1903 die Erythrophobie in die Kategorie der "Phobien der sozialen Situationen" eingeteilt.
Er differenzierte sie damit von den "Objektphobien" (z. B. vor Tieren) und den "Phobien der physischen Situation" (z.B. Agoraphobie).
Der tschechische Psychoanalytiker Theodor Dosuskov beschrieb aus psychoanalytischer Sicht die Schamneurosen, zu denen er die Erythrophobie zählte, sowie die Dysmorphophobie (die Angst körperlich mißgebildet zu sein) unter dem Oberbegriff Skoptophobie als vierte Übertragungsneurose.
Das Grundsymptom der Skoptophobie ist die Befürchtung einer Blamage, einer Erniedrigung, begleitet von der Überzeugung der eigenen körperlichen oder psychischen Minderwertigkeit.
Dosuskov weist bei seiner Beschreibung der Skoptophobie darauf hin, daß diese Neurose einem außerordentlich starken Schamgefühl zugrunde liegt, welches versucht wird zu verdecken und in einer vollständigen Ablehnung aller zwischenmenschlichen Beziehungen gipfeln könne.
Anknüpfend an Otto Fenichels "prägenitale Konversionen" entwickelt Dosuskov ein spezifisches Schema der Libido- und der Ichentwicklung.
Die Beziehungsideen des Skoptophobikers und damit auch des Erythrophobikers können auch im Beziehungswahn enden, damit erwähnt Dosuskov auch den m. E. wichtigen paranoiden Aspekt dieser psychischen Störung.
Während der Zwangsneurotiker die eigene Aggressivität fürchte, habe der Skoptophobiker Angst vor der Aggression der Gesellschaft, die er aus Furcht vor Beschämung meidet.
Die Furcht vor Blamage drücke die unbewußte Kastrationscham aus und die unbewußte Sehnsucht nach einer Wiederholung der kindlichen urethralen, vor allem aber der analen Unsauberkeit aus.
Das starke Minderwertigkeitsgefühl sei eine Reaktionsbildung auf das unbewußte Gefühl der Allmacht.
Alle Erythrophoben, so Dosuskov
seien an die frühkindlichen Perioden der Allmacht der Pantomime und
der Allmacht des eigenen Körpers fixiert.
Heute wird die
Erythrophobie als eine soziale Phobie betrachtet, denn das entscheidende,
gemeinsame Kriterium der sozialen Phobien ist die Befürchtung sich
in gewissen Situationen, in denen man sich der Aufmerksamkeit anderer ausgesetzt
sieht, lächerlich zu machen.
Die im Zuge der
operationalisierten Diagnostik durchgeführte Einreihung bei den sozialen
Phobien stützt sich insbesondere auf Gemeinsamkeiten in bestimmten
Verhaltensmerkmalen; Entwicklungsaspekte und dynamische Faktoren, die der
Symptomentstehung zugrunde liegen, werden dabei nicht berücksichtigt.
Akzeptiert man die im DSM-III-R vorgeschlagenen diagnostischen Kriterien,
dann erübrigt sich die Notwendigkeit, dem erythrophoben Syndrom eine
eigenständige Bezeichnung zu bewahren.
Das Problem der
sog. sekundären sozialen Phobien, also sozialphobische Symptome, die
erst als Folge der Angst vor einer Panikattacke auftreten, zeigt aber auch
trotz revidierter Fassung des DSM-III, daß prognostische und therapeutische
Fragen für die gesamte Gruppe der sozialen Phobien nach wie vor nicht
vollständig beantwortbar sind.
Die Frage nach der Selbständigkeit der Erythrophobie geht somit im Zeitalter der operationalisierten Diagnostik in der Diskussion um die Validierung der diagnostischen Kategorie der sozialen Phobien auf.
In den Versuchen
der Erythrophobie eine nosologische Stellung zuzuweisen, spiegelt sich
m.E. das fehlende Verständnis wider; Übereinstimmung herrscht
lediglich darin, daß die Erythrophobie irgendwie aus dem Rahmen fällt,
daß sie nicht eindeutig in bestehende Klassifizierungssysteme eingegliedert
werden kann.