Jeder Mensch hat seine ganz individuelle Art, wie sich sein Rotwerden entwickelt hat und wie es sich äußert.
Viele unterschiedliche Faktoren tragen letztendlich dazu bei, daß jemand stärker errötet als andere.
Neben den oben erwähnten familiären Umständen und psychodynamischen Vorgängen spielen, wie bei jeder Neurose, auch biologische Faktoren wie z.B. Vererbung eine Rolle.
Diese Disposition kann dann unter ungünstigen frühkindlichen Einflüssen zu einer Ausbildung des Symptoms führen.
Ebenso ist die Hautbeschaffenheit der Menschen unterschiedlich. Bei dickerer Haut ist das Erröten weniger gut sichtbar und der Patient hatte somit in seiner Biographie weniger Gelegenheit ein derartiges Symptom auszubilden, bzw. es objektiv an sich wahrzunehmen.
Auch die Lebensumstände können bei schon vorhandener Erythrophobie das Symptom verstärken, wie beispielsweise ein ungesunder Lebensstil und das daraus resultierende Ausmaß an chronischer Anspannung eines Menschen.
Die von Dosuskov oben beschriebene Skoptophobie bildet m.E. bei der Genese dieses Symptoms einen weiteren Baustein.
Dosuskov beschrieb vorwiegend körperliche Mängel, die ein Patient wirklich hatte, oder subjektiv empfand.
Wenn ein Patient als Kind (körperliche oder geistige) Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufweist, die von der Norm abweichen, dann werden diese möglicherweise vom sozialen Umfeld abgelehnt.
Dieses psychische Trauma wird vom Patienten verdrängt und bleibt wirksam in dem Sinne, daß sich der Erythrophobiker im Kreise anderer unsicher und unwohl fühlt.
Er fühlt sich unbewußt negativ beurteilt (durch den verdrängten Makel) und durchschaut.
Das Beobachtetwerden wird als Gefahr (körperliche Alarmreaktion) bewertet und es folgt das Erröten.
Der Erythrophobiker hat (wie viele Neurotiker auch) bestimmte soziale Verhaltensweisen nicht erlernt.
Durch den oben erwähnten ängstlich-überbehütenden und/oder abwertend-kritisierenden Erziehungsstil, oder einzelne traumatische Erlebnisse, hat der Erythrophobiker nicht gelernt, wie man auf Menschen zugeht, Wünsche äußert, sich durchsetzt, mit Kritik umgeht, Vorträge hält, im Mittelpunkt steht, die Aufmerksamkeit erträgt oder genießt, oder Prüfungen ablegt.
Kurzum: Die soziale Kompetenz ist bei diesen Menschen nur unzureichend erlernt worden und hier muß m.E. auch eine sinnvolle Therapie ansetzten.
Die Heilung der Erythrophobie beschreitet keinen anderen Weg als die der übrigen neurotischen Symptome. Es hat keinen Sinn, sich auf den "Kampf" gegen das Symptom alleine einzulassen (etwa im Sinne der Verhaltenstherapie), sondern die Gesamtpersönlichkeit muß berücksichtigt und behandelt werden.
Das Erröten hat, wie gezeigt wurde, mit verstärktem Schamgefühl, mit Angst, Minderwertigkeitsgefühlen, Hingabestörungen, Ehrgeiz und Geltungsstreben zu tun.
Der Patient signalisiert durch die Symbolik des Farbwechsels im Gesicht, wie wenig er soziale Flexibilität erlernen konnte. Nur wer an starre Verhaltensmuster gebunden ist, erschrickt in einer unübersichtlichen sozialen Situation: Bei entsprechender somatischer Disposition oder biographisch angebahnter Symptombereitschaft wirkt sich dieses Erschrecken vor dem Angesehen- oder Beurteiltwerden als Rotfärbung der Haut aus.
Die Psychotherapie sollte hier das Gemeinschaftsgefühl, daß durch die starke Isolierung des Patienten verlorengegangen ist, reaktivieren.
Die Koorperations- und Kommunikationsbereitschaft des betreffenden Patienten muß gefördert werden, damit das Verhaftetsein am Symptom vermindert wird.
Wie bereits oben erwähnt, geraten viele Erythrophobiker in zwanghaftes Nachdenken, wann, wie oft und warum ihr Symptom in verschiedenen Situationen aufgetreten ist.
Die soziale Kompetenz muß vitalisiert werden, damit die Patienten wieder Freude am sozialen Diskurs und an der natürlichen sozialen Konkurrenzsituation gewinnen können.
Die psychische Aktivität muß wieder frei zwischen dem Patienten und den Interaktionspartnern fließen können und darf nicht durch das Erröten ins Stocken geraten.
Eine falsche Einstellung zum Mitmenschen, durch welche psychodynamischen Vorgänge auch immer erworben, die Unfähigkeit zum dialogischen Leben, zur Dialektik von Selbstbewußtsein und Hingabe kann sich vegetativ in dem beschriebenen Symptom auswirken.
Als Gegenmittel muß der Patient zu einer normalen Offenheit (einem gesunden Exhibitionismus), zum Ablegen von frühkindlich erlernter Prüderie und Versteckspielen, zur freudigen, nicht bedrohlich erscheinenden Kontaktaufnahme mit anderen Menschen angeleitet werden.
Die Methode der "paradoxen Intervention" (Victor Frankl), die in verhaltenstherapeutisch orientierten Therapien empfiehlt, sich in Situationen der Bedrohung und herannahenden Errötens sich regelrecht vorzunehmen möglichst heftig zu erröten, erscheint oberflächlich und banal.
Mit solchen Tricks ähnlich der Desensibilisierung bei Objektphobien kommt man m.E. einem gravierenden Krankheitsbild wie der Erythrophobie nicht bei.
Bei der Erythrophobie fällt auf, daß die Betroffenen oft dadurch gekennzeichnet sind, daß diese Störung eine starke Beeinträchtigung darstellt, bei sonst weitgehend unauffälliger Erscheinungs- und Verhaltensweise.
Eine Komorbidität mit zwangsneurotischen Störungen muß noch untersucht werden.
Das Hauptproblem des Erythrophobikers ist nicht die Tatsache, daß er errötet, sondern die negative Bewertung des Errötens und die damit einhergehende Furcht vor dem Erröten.
Dieser Angstkreislauf :
è Auslösende
Gedanken oder Situation è Wahrnehmung
von Erröten è
Gedanken der Gefahr/Bedrohung è
Angst (Flucht, Meidung) è
Physische Veränderungen è
Zunehmendes Erröten è
muß mit therapeutischer Hilfe aufgebrochen werden.
Die negative Bewertung des Errötens mit der damit verbunden Intensivierung sollte korrigiert werden.
Die Erwartungsangst wird umso größer, je häufiger der Patient sich Situationen in denen er errötet ausmalt.
Verschiedene Muskel- und Atementspannungstechniken sowie
das Erlernen einer selbstsicheren Körpersprache unterstützen
zusätzlich ein Abklingen der chronischen Anspannung, die das Erröten
fördert.
Zum Abschluß noch ein Vers aus Goethes Gedicht "Das
Tagebuch":
Den stillen Seufzer drängt sie nicht zurücke,
Der ihrem Busen herrlicher gestaltet.
Ich sehe, daß am Ohr, um Hals und Gnicke
Der flüchtgen Röte Liebesblüte waltet,
Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küß' eine weiße Galatee: sie wird errötend
lachen.
Ein Jüngling zieht aus, die Wahrheit dieses Spruches zu erproben.
Die Mädchen die er trifft und schließlich küßt, lachen entweder oder sie erröten.
Am Ende dann findet er doch eine, die bei seinem Kuß errötend lacht, wie ihm der Spruch verheißt, und diese ist dann die Erwählte.
Erröten und Lachen scheinen zunächst wie ein Widerspruch, denn wer errötet schämt sich ja, fühlt sich ertappt und durchschaut, und das ist kein Grund zum Lachen.
Das eine (erröten) bedeutet Scham und das andere Geist.
Das eine ist Sittlichkeit, das andere Sinnlichkeit und
so kann man in diesem errötenden Lachen das Zusammenspiel von Gefühl
und Verstand, das Kennzeichen einer harmonischen menschlichen Persönlichkeit
erblicken.
Der Autor hofft mit diesem Aufsatz einen Beitrag zum Verständnis dieser "stillen" neurotischen Störung geleistet zu haben und wünscht allen betroffenen Lesern die erfolgreiche Bewältigung dieser Blockade.
Berthold G. Neitzel, Januar 1999