Durch diesen Beitrag soll versucht werden, einer "stillen" und vielleicht noch wenig bekannten psychischen Erkrankung auf die Spur zu kommen, die m.E. für die Betroffenen eine Eigendynamik entwickeln kann, die sich bis ins Unerträgliche steigern kann.
Die Forschungsliteratur zu dieser neurotischen Störung ist eher unterrepräsentiert, was den Eindruck einer seltenen und unbekannten Krankheit noch verstärkt. Der Autor, motiviert durch eigene Erfahrungen mit dem Thema, möchte diesen Tatsachen entgegenwirken.
Zunächst soll eine kurze Begriffsklärung und
ein erster psychoanalytischer Erklärungsansatz dargestellt werden,
um auch dem nicht psychoanalytisch geschulten Leser diese neurotische Störung
näher zu bringen.
Anschließend wird auf ontogenetische Aspekte und
physiologische Abläufe des Errötens eingegangen.
Des weiteren soll ein kurzer historischer Abriß der Entwicklung des Krankheitsbildes Erythrophobie in der Forschung erörtert werden, um dann eine etwas genauere Klärung der Ursache dieser Störung unter Zuhilfenahme verschiedener psychodynamischer Ansätze zu versuchen.
Erythrophobie bezeichnet die krankhafte Angst zu Erröten und dabei von anderen gesehen zu werden, verbunden mit Gefühlen größter Scham und Demütigung.
Angst gehört zu den Grundvorgängen seelischen Krankseins überhaupt, sowohl bei Neurosen wie bei Psychosen. Die meisten neurotischen Störungen sind von Angst begleitet.
Neurotische Angst entsteht aus unbewältigtem Konflikterleben, insbesondere wenn die Abwehrmöglichkeiten nicht ausreichen.
Der Angst aus dem "Es" wird die Gewissensangst, die Angst aus dem "Über-Ich" gegenübergestellt. Die Angst kann jeweils als ein Warnsignal für das Ich angesehen werden.
Wenn diese neurotische Angst unbewußter Genese auf bestimmte Objekte oder Situationen gerichtet ist, spricht man von Phobie.
Die Angst, in solche Situationen zu geraten, die sog. Erwartungsangst, wirkt im Sinne eines Circulus vitiosus symptomverstärkend.
Daraus resultiert beim Neurotiker ein starkes Vermeidungsverhalten in bezug auf die furchtauslösende Situation, im Falle der Erythrophobie heißt das oft sozialer Rückzug mit starkem Leidensdruck, der nicht selten in die Depression und dem völligen Zurücknehmen der eigenen Persönlichkeit gipfelt.
Die Erythrophobie wird innerhalb dieser Gruppe den sozialen Phobien zugeordnet, bei denen soziale Situationen, in denen man von anderen gesehen, bewertet, "durchschaut" oder sogar beschämt werden könnte, Angst auslösen.
Das beim gesunden Menschen natürlich ablaufende Einbringen seiner Persönlichkeit im sozialen Diskurs, sowie das selbstbewußte Konkurrieren mit anderen, sind beim Erythrophobiker wegen den, gerade bei dieser Neurose stark im Vordergrund stehenden Schamgefühlen, sehr stark eingeschränkt.
Angesichts eines Konfliktes zwischen Triebintensität und Gewissensregung steht an der Wurzel die Angst, es könne etwas entdeckt werden, wessen sich der Patient zu schämen habe.
Haben die vasomotorischen Symptome zunächst nur den Charakter von somatischen Begleiterscheinungen, so gewinnen sie mit zunehmender Beachtung schließlich zentrale Bedeutung und werden als verräterische Zeichen gedeutet.
Sie tragen zur weiteren Verunsicherung bei, deren Ausdruck
wiederum ein vorzeitiges und so intensives Erröten ausmacht, das schließlich
jede unbefangene Lebensentfaltung in Frage stellt.