Als ich ca. 10 Jahre alt war, begann sie sich jedoch leicht zur Seite zu drehen und der Orthopäde (gehen Sie nie mit Ihrem Kind zu einem Arzt, der so alt ist, daß er während der Ordination nur noch an seine Pension denkt) verordnete "Sandsackgehen" - das hieß wir gingen jeden Abend eine Viertelstunde mit einem Sandsack am Kopf auf den Zehenballen durch die Wohnung. Niemand hat uns was davon gesagt, daß man zb. die Lordose durchdrücken soll oder ähnliches. Ich weiß nicht, obs nur nichts genutzt hat oder obs sogar geschadet hat.
Mit 11 Jahren hatte ich einen Beckenschiefstand und ca. 8 Grad Krümmung. Der Orthopäde (Sie wissen, der alte Knacker) gab Ratschläge wie: "Mehr Knödel essen", aber kam erst ein halbes Jahr später auf die Idee meine Beine abzumessen und was kam raus ? Das linke Bein ist um zwei Zentimeter kürzer als das rechte. Wenn man das rechtzeitig entdeckt hätte, wer weiß .......
Als ich gerade 12 Jahre alt geworden bin - ein glückliches Kind, gute Schülerin am Gymnasium - war es soweit, die Krümmung hatte 11 Grad erreicht, ein Boston-Mieder mußte her. Der Arzt (Sie wissen) meinte: "Das wird nur so breit sein, wie ein Nierenschutz".
In den Osterferien 1983 kam ich also in das Orthopädische Spital nach G. und fand es anfangs auch sehr lustig. Ungefähr 8 Mädchen zwischen 10 und 15 Jahren in einem Zimmer, noch am selben Tag waren Freundschaften geschlossen und alle harrten neugierig der Dinge, die da passieren.
Am Nachmittag des ersten Tages ging das Programm gleich los. Als erster kamen Orthopädiemechaniker von diversenen Firmen - je nachdem, wer den zuweisenden Arzt am besten bestochen hat - und nahmen Maß. Dann gings zum Turnen. Das war "unheimlich aufregend". Eine typische Übung: eine Hand an der Hüfte, die andere ins Genick, Lordose ausgleichen (!!!) einatmen, ausatmen, das im Sitzen, Liegen, Stehen. Eine andere: die Handhaltung ändern, dasselbe. Noch eine Übung: die Handhaltung ändern, dasselbe. Jede dieser Übungen 10 mal und das ganze ca 90 Minuten. Ich gebe offen zu, ich habe zuhause nicht sehr oft geturnt.
Der zweite Tag: Die Orthopädiemechaniker tauchen wieder auf und brachten den ersten Entwurf der Mieder mit. Ich sah das erste Mal, wie verdammt hart die Dinge sind, aber es war ja nur kurz, denn sie nahmen die Module mit in die Firma, um sie weiterzubearbeiten. Voller Freude (nun ja) ging ich zum Turnen.
Der dritte Tag: Die Orthopädiemechaniker brachten die fertigen Mieder mit. Voller Verwunderung stellte ich fest, daß es nicht unbedingt die Breite eines Nierenschutzes hatte, sondern auf der einen Seite bis zur Achselhöhle, auf der anderen dafür hinten über das Schulterblatt ging. Eine Pelotte (ca. 2 Zentimeter dicker Polster) drückte mir unter dem rechten Schulterblatt in die Rippen und ich fragte: "wieso, warum etc. ?" Wissen Sie, wie ernst man ein 11-jähriges Kind nimmt, das sich beschwert ? Also es wurde nichts geändert.
Man sagte mir also, ich sollte das Mieder jetzt drei Stunden tragen, damit man anhand der Druckstellen sehen kann, wie gut es paßt. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie solche Schmerzen, durfte aber nicht ausziehen. Ich gibs offen zu, ich heulte wie ein Schloßhund. Nach den drei Stunden sah man sich meine Druckstellen an, meinte das wäre normal (schließlich muß ja auf die höhere Hüfte und dort, wo die Pelotte auflag ein Druck sein) und ging. Jetzt fing meine Heulerei erst recht an. Kurzum ich hatte am Abend 40 Grad Fieber und man fragte meine Eltern, wie ich das denn mache, daß ich so krank spielen würde. Später führte man mich in ein anderes Spital um mich auf Blindarmentzündung zu untersuchen. Meiner Meinung nach hatte ich damals einen Nervenzusammenbruch.
Ich kam nach Hause. Das glückliche Kind konnte nicht schlafen und wurde immer trauriger und ruhiger. Als meine Eltern mir anboten, mich von der Schule zu nehmen und in die Hauptschule zu schicken, war es mir egal, ich kam auf die Hauptschule.
Dort war ich das große fremde Tier. All die Jahre mußte ich immerwieder damit leben, daß mir jemand am Gang das T-Shirt aus der Hose riß, oder probierte, wie ich denn falle, wenn man mir nur einen richtigen Schubs gab. Ich war nicht mehr traurig, ich war depressiv.
In den Sommerferien 1983 war ich zur Kontrolluntersuchung im Orthopädischen Spital in G. und eine junge Oberärztin sah mein aktuelles Röngtenbild und schrie das ganze Spital zusammen. Meine 11 Grad Krümmung im Lumbalbereich hatten sich auf 28 Grad verstärkt und im Brustbereich hatte ich ne zweite neue - juchee ! Immerhin 22 Grad betrug sie. Schnell war das Mieder umgebaut und trotz der neuen Krümmung war es niedriger als der erste Versuch. Sie wollen wissen ob meine Eltern oder ich jemals eine Erklärung bekommen haben ? Fragen Sie lieber nicht, Sie würden es mir eh nicht glauben. Kein Wort wurde davon erwähnt. Wenn ich nicht den Wutanfall der Ärztin erlebt hätte, wüßte ich bis heute nicht, warum meine Krankheit so einen schlimmen Schub hatte.
Die nächsten dreieinhalb Jahre verbrachte ich jetzt also mit diesem Ding. Einige male war ich wieder im Orthopädischen Spital in G., zb. als ich ungefähr in der Mitte dieser Zeit ein neues Mieder brauchte, jaja man wächst halt schnell. Alle zwei Monate waren wir bei dem alten Arzt - meine Mutter bestand immer noch auf den Knacker, sie meinte immer, wenn einer Primar ist ..... Ein Besuch bei diesem Arzt lief so ab: Meine Mutter holte mich um 11 Uhr von der Schule ab und wir hetzten durch halb Wien um um 12 Uhr eine Nummer zu ziehen (Termine wurden nicht vergeben). Die Zeit bis drei Uhr, Beginn der Ordinationszeit, haben wir uns dann halt vertreiben müssen. Um drei Uhr also setzt man sich in ein bummvolles Wartezimmer und starrt die Wand an, denn in all den Jahren kennt man das Leseangebot natürlich in- und auswendig. Nach ca. zwei Stunden war man dann dran. Der Arzt hat mich in all den Jahren nicht mal gebeten, das Mieder abzulegen, ein Blick auf mich hat ihm scheinbar gereicht und als Medizin erhielt ich wieder ein von Herzen kommendes: "Mehr Knödel essen".
Als ich im nach dreieinhalb Jahren Miedertragen mitbekam, daß ich jetzt schon seit einem Jahr keinen Zentimeter mehr gewachsen war und auch das Röngten meiner Hände zeigte, daß die Wachstumsfugen schon geschlossen waren, ging ich ein letztes Mal in meinem Leben zum Dr. alter Knacker und meinte: "ich will nicht mehr". "Na gut", sagte er "dann hören wir also auf". So schnell war die Sache erledigt.
Anschließend fuhren wir zwei Wochen nach Tunesien. Als ich zurückkam probierte ich das ding ein letztes Mal und es paßte nicht mehr. In den zwei Wochen Freiheit sind meine Hüften um einige Zentimeter gewachsen und ich rede jetzt nicht von Speck, sondern nur von den Hüftknochen, die endlich die Möglichkeit hatten, sich zu entwickeln.
Dienächsten ungefähr fünf Jahre waren herrlich. Ich dachte echt mit dem Mieder sind auch die Probleme beseitigt. Ich blühte auf. Gerade mal im Schwimmbad hatte ich ein paar Probleme, aber ein Handtuch immer so über die rechte Hüfte drapiert, daß man nix sieht und es ging schon. In dieser Zeit lernte ich den Beruf der Bandagistin in genau der Firma, in der meine Mieder gemacht wurden. Kein Mensch dort stieg darauf ein, wenn ich davon anfing, daß mein Mieder damals verkehrt war.
Dann war ich ungefähr 20.
Als ich in der Früh aufwachte, dachte ich mir schon, da stimmt was nicht. Ein Ziehen im Lendenwirbelbereich war aufgetreten und zog sich den Tag über immer höher. Als ich innerhalb des Tages dann mal richtung Bad unterwegs war, blieb ich plötzlich "hängen". Ich konnte meinen Fuß weder in der Höhe lassen, noch absetzen. Ich konnte eigentlich nur mehr schreien. Solche Schmerzen hatte ich mein Leben lang noch nicht erlebt. Da war der Blinddarmdurchbruch ein Kindergeburtstag dagegen. Irgendwie schaffte ich es zum Sofa, da begannen die Verspannungen noch höher zu wirken. Ich konnte nur noch ganz flach und schnell atmen, dachte echt ich hätte einen Lungeninfarkt oder sowas. Schnell wurde der Notarzt gerufen.
Der wollte sogleich die Lunge abhören - sah meine Skoliose und meinte nur: "Das ist eine Art Hexenschuß, das wird ihnen noch häufiger passieren aufgrund ihrer Skoliose."
Aufgrund sehr starker Tabletten lösten sich die Schmerzen damals Gottseidank.
In den nächsten Jahren steigerten sich die Schmerzen immer mehr. War es am Anfang zweimal im Jahr soweit, war es als ich ungefähr 23, 24 war so schlimm, daß ich alle zwei, drei Wochen "hing". Mein Ischiasnerv war schon chronisch beleidigt und ich hinkte sehr oft.
Eine wirkliche Hilfe war, als ich mit ca. 26 Jahren ein halbes Jahr regelmäßig zum Chiropraktiker ging. Eines Tages machte es aber statt dem "Knack", daß man von dieser Behandlung her kennt, "Knirsch" und es tat höllisch weh. Wir haben dann noch eine Zeit lang versucht, die Behandlung fortzusetzen, aber ich konnte mich nicht mehr richtig entspannen und es war für den Arzt und mich nur noch eine Qual. So hörte ich damals auf.
Wie gehts mir derzeit ?
Nicht ganz so schlimm, wie vor fünf Jahren, aber immerwieder passiert noch was. Ich passe jetzt sehr auf mich auf, hebe nix schweres mehr und bücke mich nicht mehr (ja, immer brav die Knie beugen). Aber manchmal (das letzte Mal erst diese Woche) hänge ich wieder und komme total schief daher. Ich kann mich zwar aufrichten, wenns soweit ist, indem ich mich zb. bei meinem Freund einhänge, aber wenn ich keine Stütze habe, bin ich wieder schief. Ich meine dann immer: "Wenn ich eine Uhr wäre, würde ich zehn Minuten nach sechs anzeigen".
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